Warum Verluste emotional so schwer wiegen
Gewinne und Verluste werden nicht gleich wahrgenommen. Ein Verlust von 5.000 Euro schmerzt meist stärker, als ein Gewinn in gleicher Höhe Freude bereitet. Deshalb fällt es vielen Anlegern schwer, sich von einer schwachen Position zu trennen.
Hinzu kommt die Hoffnung auf den Einstandskurs. Wurde eine Aktie zu 100 Euro gekauft und steht sie inzwischen bei 60 Euro, erscheint der frühere Kaufpreis wie ein natürliches Ziel. Doch der Markt kennt diesen persönlichen Bezugspunkt nicht. Ob der Kurs wieder 100 Euro erreicht, hängt nicht davon ab, wie viel der Anleger ursprünglich bezahlt hat.
Typische Gedanken lauten:
- „Ich verkaufe erst, wenn ich wieder im Plus bin.“
- „Jetzt ist es für einen Verkauf ohnehin zu spät.“
- „Der Kurs muss sich irgendwann erholen.“
- „Solange ich nicht verkaufe, ist der Verlust nicht wirklich entstanden.“
Diese Überlegungen sind menschlich nachvollziehbar, aber keine ausreichende Anlagestrategie.
Vorübergehender Rückgang oder dauerhaftes Problem?
Zunächst muss geklärt werden, warum die Anlage gefallen ist. Betrifft der Rückgang den gesamten Markt, eine bestimmte Branche oder nur das einzelne Unternehmen? Diese Unterscheidung ist entscheidend.
Breite Aktienmärkte können in Krisen deutlich nachgeben, obwohl die langfristigen wirtschaftlichen Grundlagen weiterhin intakt sind. Wer breit gestreut und langfristig investiert, sollte normale Marktschwankungen nicht mit einer dauerhaft beschädigten Anlage verwechseln.
Anders kann es bei Einzelaktien, Branchenfonds oder spekulativen Anlagen aussehen. Verliert ein Unternehmen wichtige Kunden, gerät die Finanzierung unter Druck oder wird das Geschäftsmodell durch neue Technologien verdrängt, kann der Kursrückgang Ausdruck eines grundlegenden Problems sein.
Hilfreiche Fragen sind:
- Würde ich die Anlage zum heutigen Kurs erneut kaufen?
- Besteht die ursprüngliche Begründung für den Kauf noch?
- Hat sich nur der Preis verändert oder auch die Qualität der Anlage?
- Passt die Position weiterhin zu meinem Anlageziel und Risiko?
- Ist ihr Anteil am Gesamtvermögen noch vertretbar?
Wer diese Fragen nicht beantworten kann, sollte zumindest prüfen, ob die Anlage überhaupt ausreichend verstanden wurde.
Der Kaufpreis darf nicht entscheiden
Bereits entstandene Verluste lassen sich durch Abwarten nicht automatisch zurückholen. Die Vergangenheit ist finanziell relevant, darf aber die aktuelle Entscheidung nicht beherrschen.
Ein Beispiel: Eine Aktie wurde für 10.000 Euro gekauft und ist nur noch 6.000 Euro wert. Für die heutige Entscheidung sollte die Frage lauten: Würde man die vorhandenen 6.000 Euro jetzt erneut genau in dieses Unternehmen investieren? Lautet die ehrliche Antwort nein, spricht viel dafür, die Position zu reduzieren oder zu verkaufen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Kursrückgang sofort Konsequenzen haben muss. Es bedeutet lediglich, dass die verbleibende Summe als heutiges Vermögen betrachtet werden sollte – nicht als Rest einer alten Entscheidung, der unbedingt zum früheren Wert zurückkehren muss.
Nicht aus Panik verkaufen
Das Gegenstück zum zu langen Festhalten ist der überstürzte Verkauf. Gerade nach starken Kurseinbrüchen reagieren Anleger häufig dann, wenn Angst und mediale Aufmerksamkeit am größten sind. Kurzfristige Schwankungen werden dadurch zu dauerhaft realisierten Verlusten.
Besonders bei breit gestreuten Anlagen ist daher zu prüfen, ob sich am langfristigen Ziel überhaupt etwas geändert hat. Wer für die Altersvorsorge über 15 oder 20 Jahre investiert, sollte einen vorübergehenden Börsenrückgang anders beurteilen als jemand, der das Geld in zwei Jahren benötigt.
Vor einem Verkauf sollten daher Anlagehorizont, Liquiditätsbedarf und Depotstruktur gemeinsam betrachtet werden. Manchmal liegt das eigentliche Problem nicht in der einzelnen Anlage, sondern in einer insgesamt zu hohen Aktienquote. Dann kann eine teilweise Reduzierung sinnvoller sein als ein vollständiger Ausstieg.
"Verluste auszusitzen kann richtig sein, wenn die Anlage weiterhin solide ist, zum langfristigen Plan passt und der Rückgang vor allem durch normale Marktschwankungen entstanden ist. Es kann aber auch eine teure Fehlentscheidung sein, wenn Anleger nur aus Hoffnung oder Angst vor dem Eingeständnis eines Fehlers festhalten."
Teilverkauf als Mittelweg
Zwischen vollständigem Aussitzen und komplettem Verkauf gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine zu große Position kann teilweise reduziert werden. Dadurch sinkt das Risiko, ohne dass die Anlage vollständig aufgegeben wird.
Auch ein schrittweiser Verkauf kann helfen, eine emotional schwierige Entscheidung umzusetzen. Dabei sollte allerdings ein klarer Plan bestehen. Wer lediglich kleine Beträge verkauft und anschließend erneut monatelang hofft, verschiebt die Entscheidung nur.
Eine sinnvolle Korrektur kann so aussehen:
- Ursache des Verlustes prüfen
- ursprüngliche Anlageidee neu bewerten
- gewünschte Zielgewichtung festlegen
- Position vollständig oder teilweise anpassen
- frei werdendes Geld entsprechend der Gesamtstrategie neu verteilen
Entscheidend ist, dass die Maßnahme das Depot verbessert und nicht nur kurzfristig das Gefühl beruhigt.
Steuern und Verlustverrechnung berücksichtigen
Realisierte Verluste können steuerlich relevant sein. Sie lassen sich unter bestimmten Voraussetzungen mit Gewinnen verrechnen. Dabei gelten je nach Anlageart unterschiedliche Regeln. Diese steuerliche Wirkung kann bei der Entscheidung berücksichtigt werden, sollte aber nicht der alleinige Verkaufsgrund sein.
Ebenso wenig sollte eine mögliche Verlustverrechnung dazu verleiten, gute Anlagen nur aus steuerlichen Gründen zu verkaufen. Die wirtschaftliche Qualität der Entscheidung steht an erster Stelle.
Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung.
Fazit: Nicht der Verlust, sondern die Zukunft entscheidet
Verluste auszusitzen kann richtig sein, wenn die Anlage weiterhin solide ist, zum langfristigen Plan passt und der Rückgang vor allem durch normale Marktschwankungen entstanden ist. Es kann aber auch eine teure Fehlentscheidung sein, wenn Anleger nur aus Hoffnung oder Angst vor dem Eingeständnis eines Fehlers festhalten.
Ein Verkauf ist umgekehrt nicht automatisch vernünftig. Wer in Panik aus einer grundsätzlich geeigneten Anlage aussteigt, macht aus einer vorübergehenden Schwankung möglicherweise einen dauerhaften Verlust.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wann erreiche ich meinen Kaufpreis wieder? Sie lautet: Ist diese Anlage ab heute noch der richtige Platz für mein Geld?