Saisonale Muster gibt es tatsächlich
Kapitalmärkte werden von Menschen, Institutionen und wiederkehrenden Abläufen geprägt. Deshalb ist es nicht völlig überraschend, dass sich in Daten manchmal saisonale Muster zeigen. Steuertermine, Ferienzeiten, Bilanzstichtage, Ausschüttungstermine oder das Verhalten großer Investoren können zeitweise Spuren an den Märkten hinterlassen.
Auch Stimmungen verändern sich im Jahresverlauf. Nach starken ersten Börsenmonaten nehmen manche Anleger Gewinne mit. Im Sommer ist das Handelsvolumen teilweise geringer, weil viele Marktteilnehmer im Urlaub sind. Gegen Jahresende richten sich die Blicke dann wieder stärker auf neue Prognosen, Jahresabschlüsse und Portfolioanpassungen.
Mögliche Ursachen saisonaler Effekte sind:
- geringere Handelsaktivität in Ferienzeiten
- Portfolioanpassungen großer Investoren
- steuerliche Überlegungen zum Jahresende
- Ausschüttungs- und Berichtstermine
- veränderte Risikobereitschaft im Jahresverlauf
Solche Effekte können existieren. Sie sind aber selten stabil genug, um daraus eine einfache und zuverlässige Anlagestrategie abzuleiten.
Statistik ersetzt keine Strategie
Die Gefahr bei Kalenderregeln liegt darin, dass historische Durchschnittswerte mit verlässlichen Zukunftssignalen verwechselt werden. Nur weil ein bestimmter Zeitraum in der Vergangenheit im Durchschnitt schwächer war, bedeutet das nicht, dass dies im kommenden Jahr erneut gilt.
Kapitalmärkte verändern sich ständig. Zinsen, Inflation, Unternehmensgewinne, geopolitische Ereignisse und Notenbankentscheidungen können einen einzelnen Kalendereffekt jederzeit überlagern. Ein besonders starker Sommer an den Börsen kann mehrere Jahre schwächerer Durchschnittswerte ausgleichen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Durchschnittswerte verbergen große Unterschiede zwischen einzelnen Jahren. Die Regel kann über längere Zeiträume statistisch interessant wirken und dennoch in vielen konkreten Jahren zu falschen Entscheidungen führen.
Gerade Privatanleger sollten deshalb vorsichtig sein, wenn aus historischen Mustern eine scheinbar einfache Handlungsempfehlung wird. Eine Strategie muss nicht nur rückblickend plausibel erscheinen. Sie muss auch künftig durchhaltbar, kosteneffizient und zur persönlichen Situation passend sein.
Ausstieg und Wiedereinstieg bleiben schwierig
Wer „Sell in May“ wörtlich nimmt, steht vor zwei Entscheidungen: dem Verkauf im Mai und dem späteren Wiedereinstieg. Beide Entscheidungen müssen einigermaßen passen, damit die Strategie einen Vorteil bringt.
In der Praxis ist genau das schwierig. Steigen die Märkte nach dem Verkauf weiter, entsteht schnell das Gefühl, etwas zu verpassen. Anleger zögern dann beim Wiedereinstieg oder kaufen zu höheren Kursen zurück. Fallen die Märkte dagegen tatsächlich, wartet man oft auf noch tiefere Kurse und verpasst möglicherweise die Erholung.
"Wer saisonale Muster interessant findet, kann sie beobachten. Sie sollten aber nicht die Grundstrategie ersetzen. Gute Geldanlage entsteht selten durch das Befolgen einfacher Sprüche. Sie entsteht durch klare Ziele, diszipliniertes Handeln und die Bereitschaft, kurzfristige Schwankungen auszuhalten."
Zusätzlich entstehen durch regelmäßige Verkäufe und Käufe mögliche Nachteile:
- Transaktionskosten und Spreads (Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufskurs)
- steuerliche Folgen durch realisierte Gewinne
- Risiko, starke Börsentage außerhalb des Marktes zu verpassen
- emotionale Unsicherheit beim Wiedereinstieg
- Abweichung von der langfristigen Anlagestrategie
Besonders der letzte Punkt ist wichtig. Eine Kalenderregel kann dazu führen, dass Anleger ihr Depot regelmäßig verändern, obwohl sich an ihren Zielen, ihrer Risikotragfähigkeit und ihrer langfristigen Strategie nichts geändert hat.
Langfristigkeit statt Kalenderregel
„Sell in May and go away“ ist eine einprägsame Marktregel, aber keine verlässliche Grundlage für den Vermögensaufbau. Sie kann Anleger daran erinnern, dass Märkte nicht in jedem Zeitraum gleich verlaufen und dass saisonale Effekte beobachtbar sein können. Als starre Vorgabe greift sie jedoch zu kurz.
Für langfristige Anlegerinnen und Anleger ist meist entscheidender, ob die Vermögensstruktur zur eigenen Lebenssituation passt. Eine angemessene Aktienquote, ausreichende Liquiditätsreserven, breite Streuung und regelmäßige Überprüfung sind belastbarer als der Versuch, jedes Jahr nach Kalender ein- und auszusteigen.
Wer saisonale Muster interessant findet, kann sie beobachten. Sie sollten aber nicht die Grundstrategie ersetzen. Gute Geldanlage entsteht selten durch das Befolgen einfacher Sprüche. Sie entsteht durch klare Ziele, diszipliniertes Handeln und die Bereitschaft, kurzfristige Schwankungen auszuhalten.
Die verkürzte Anlegerregel bleibt damit ein gutes Beispiel für viele Börsenweisheiten: eingängig, nicht völlig falsch, aber gefährlich, wenn sie zu mechanisch angewendet wird.