Das Problem liegt nicht darin, eine klare Einschätzung zu haben. Schwierig wird es, wenn anschließend hauptsächlich noch Informationen wahrgenommen werden, die zu dieser Einschätzung passen. Dadurch kann aus einer ursprünglichen Vermutung schrittweise eine vermeintliche Gewissheit werden.
Überzeugung beeinflusst die Informationssuche
Angenommen, jemand hält die Aktie eines Automobilherstellers für besonders aussichtsreich. Die Gründe erscheinen plausibel: starke Marke, neue Modelle, wachsende Elektromobilität. Nach dem Kauf werden Nachrichten über steigende Verkaufszahlen, neue Kooperationen oder technische Fortschritte aufmerksam verfolgt.
Dann veröffentlicht das Unternehmen schwächere Margen und verliert Marktanteile in einer wichtigen Region. Gleichzeitig erscheinen mehrere kritische Analysen. Wer stark von seiner ursprünglichen Entscheidung überzeugt ist, findet dafür möglicherweise schnell Erklärungen: vorübergehende Probleme, übertriebene Reaktion des Marktes, kurzfristiger Gegenwind.
Jede einzelne Erklärung kann richtig sein. Problematisch wird es, wenn negative Informationen grundsätzlich relativiert und positive Nachrichten grundsätzlich hervorgehoben werden.
Confirmation Bias kann sich beispielsweise darin zeigen, dass:
- gezielt Medien und Analysen genutzt werden, die die eigene Meinung unterstützen,
- kritische Stimmen als weniger kompetent eingeschätzt werden,
- positive Nachrichten stärker erinnert werden als negative,
- neue Informationen so interpretiert werden, dass die ursprüngliche Entscheidung richtig bleibt.
Das Ergebnis ist ein verzerrtes Gesamtbild.
Auch Immobilien können zur Überzeugung werden
Der Effekt beschränkt sich nicht auf Börsenanlagen. Wer eine bestimmte Immobilie unbedingt kaufen möchte, findet häufig immer mehr Gründe dafür. Die ruhige Straße, der Balkon oder die gute Raumaufteilung erhalten großes Gewicht. Hinweise auf hohen Sanierungsbedarf, steigende Finanzierungskosten oder einen ambitionierten Kaufpreis wirken dagegen zunehmend nebensächlich.
Noch stärker kann dieser Effekt auftreten, wenn bereits viel Zeit in die Entscheidung investiert wurde. Nach mehreren Besichtigungen, Gesprächen mit Banken und Verhandlungen mit dem Verkäufer fällt es schwer, neue Informationen wirklich neutral zu bewerten.
Auch bei bestehenden Anlagen entsteht eine ähnliche Dynamik. Wer seit Jahren von Gold, bestimmten Technologieaktien oder einer bestimmten Investmentstrategie überzeugt ist, sucht häufig Quellen, die genau diese Sichtweise vertreten.
Gegenargumente bewusst suchen
Confirmation Bias lässt sich kaum dadurch verhindern, dass man sich einfach vornimmt, objektiv zu sein. Effektiver ist es, die Informationssuche bewusst anders zu organisieren.
Vor einer größeren Entscheidung kann beispielsweise ausdrücklich nach Gründen gesucht werden, die gegen die eigene Einschätzung sprechen. Hilfreich sind Fragen wie:
Welche Information würde mich dazu bringen, meine Meinung zu ändern?
"Menschen suchen nicht nur nach Informationen - sie suchen häufig nach Bestätigung. Je stärker die eigene Überzeugung bereits ist, desto leichter können widersprechende Hinweise ausgeblendet oder relativiert werden."
Oder:
Welche Argumente würde jemand nennen, der genau die gegenteilige Position vertritt?
Eine zweite unabhängige Meinung kann ebenfalls wertvoll sein. Entscheidend ist allerdings, nicht nur Personen auszuwählen, von denen Zustimmung erwartet wird.
Gute Entscheidungen dürfen korrigiert werden
Besonders wichtig ist die Trennung zwischen einer Entscheidung und der eigenen Person. Eine einmal getroffene Einschätzung muss nicht verteidigt werden. Neue Informationen können eine ursprünglich vernünftige Entscheidung später unattraktiv machen.
Das Eingeständnis "Heute würde ich anders entscheiden" bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die damalige Entscheidung falsch war. Rahmenbedingungen können sich verändert haben.
Fazit
Menschen suchen nicht nur nach Informationen - sie suchen häufig nach Bestätigung. Je stärker die eigene Überzeugung bereits ist, desto leichter können widersprechende Hinweise ausgeblendet oder relativiert werden.
Bessere Finanzentscheidungen entstehen deshalb nicht durch möglichst viele Informationen, sondern durch eine ausgewogenere Auswahl. Wer bewusst nach Gegenargumenten sucht und festlegt, welche Fakten die eigene Meinung verändern würden, schützt sich davor, aus einer Einschätzung unbemerkt eine unverrückbare Überzeugung zu machen.