FOMO als Warnsignal
FOMO steht für Fear of Missing Out. Gemeint ist die Angst, eine Chance zu verpassen. An der Börse kann daraus ein gefährlicher Mechanismus entstehen. Anleger kaufen, weil andere bereits Gewinne erzielt haben. Kurse steigen weiter, weil immer mehr Kapital nachfließt. Die Begründung wird dünner, die Stimmung wichtiger.
Solche Phasen sind nicht neu. Sie treten besonders häufig auf, wenn ein starkes Zukunftsthema den Markt dominiert. Heute ist das vor allem künstliche Intelligenz. KI steht für künstliche Intelligenz und beschreibt Systeme, die große Datenmengen verarbeiten, Muster erkennen und Aufgaben automatisiert erledigen können.
FOMO wird problematisch, wenn Bewertungen nur noch mit Zukunftserzählungen begründet werden. Dann reicht eine Enttäuschung, um starke Rückschläge auszulösen.
Yardeni sieht die aktuelle Lage jedoch anders. Für ihn steht nicht die Angst vor dem Verpassen im Vordergrund, sondern die tatsächliche Gewinnentwicklung der Unternehmen.
FEMO als neue Börsenformel
FEMO ist Yardenis Gegenbegriff zu FOMO. Fabulous Earnings Momentum bedeutet sinngemäß: außergewöhnlich starke Gewinndynamik. Damit verschiebt sich der Blick. Nicht die Stimmung allein trägt den Markt, sondern die Entwicklung der Unternehmensgewinne.
Das ist für die Bewertung wichtig. Ein hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis wirkt riskanter, wenn Gewinne stagnieren. Es wirkt tragfähiger, wenn Gewinne deutlich wachsen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, kurz KGV, setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Yardeni hält ein erwartetes KGV des S&P 500 von etwa 20 bis 22 für vertretbar, sofern die US-Wirtschaft eine Rezession vermeidet.
Der S&P 500 ist ein Aktienindex mit 500 großen börsennotierten US-Unternehmen. Er gilt als wichtiger Maßstab für den US-Aktienmarkt. Yardeni traut diesem Index bis Ende des Jahrzehnts sogar die Marke von 10.000 Punkten zu. Für 2026 nennt er ein Ziel von 8.250 Punkten.
Gewinne statt reine Bewertung
Die entscheidende Frage lautet also: Sind die Gewinne stark genug, um die Bewertungen zu rechtfertigen? Yardeni beantwortet diese Frage derzeit optimistisch. Er verweist auf robuste Unternehmensgewinne, Produktivitätsfortschritte und die Investitionen rund um künstliche Intelligenz.
Auch andere Strategen werden wieder zuversichtlicher. Goldman Sachs hob sein Ziel für den S&P 500 ebenfalls an und begründete dies mit starken Gewinnerwartungen. Das zeigt: Die optimistische Sicht beschränkt sich nicht auf Yardeni allein. Gleichwohl bleibt sie an Bedingungen geknüpft. Eine Rezession, deutlich steigende Energiepreise oder enttäuschende KI-Gewinne könnten die Rechnung verändern.
"Ed Yardeni setzt mit FEMO einen bewussten Gegenpunkt zu FOMO. Er sieht den US-Aktienmarkt nicht primär von Spekulation getrieben, sondern von starker Gewinnentwicklung. Das macht seine Einschätzung plausibler als reine Börseneuphorie. Steigende Kurse sind weniger problematisch, wenn Unternehmensgewinne Schritt halten."
Wichtige Stützen der FEMO-These sind:
- starke Gewinnentwicklung vieler US-Unternehmen,
- Investitionen in KI-Infrastruktur,
- robuste Konjunktur trotz geopolitischer Risiken,
- Produktivitätsgewinne durch neue Technologien,
- bislang begrenzte Hinweise auf reine Spekulationsübertreibung.
Diese Punkte erklären, warum Yardeni eine Blase derzeit nicht als wahrscheinlichstes Szenario sieht.
Produktivität als Gegengewicht zur Inflation
Ein weiterer Baustein seiner Argumentation ist die Produktivität. Produktivität beschreibt, wie viel Leistung mit einem bestimmten Einsatz von Arbeit und Kapital erreicht wird. Steigt sie deutlich, können Unternehmen höhere Löhne besser verkraften, ohne ihre Preise stark anheben zu müssen.
Yardeni erwartet, dass sich das Produktivitätswachstum weiter beschleunigen könnte. Dadurch würde der Lohndruck gedämpft. Für die Inflation wäre das wichtig. Zwar können höhere Ölpreise vorübergehend belasten. Entscheidend ist aber, ob daraus eine dauerhafte Lohn-Preis-Spirale entsteht. Eine solche Spirale entsteht, wenn steigende Preise höhere Löhne auslösen und höhere Löhne wiederum neue Preissteigerungen erzwingen.
Yardeni sieht diese Gefahr derzeit offenbar geringer als in früheren Inflationsphasen. Das stützt seine Erwartung, dass die US-Wirtschaft weiter wachsen kann, ohne dass die Notenbank deutlich stärker bremsen muss.
Risiken bleiben vorhanden
Trotz aller Zuversicht ist FEMO keine Garantie. Auch starke Gewinntrends können abbrechen. Besonders technologiegetriebene Rallys sind anfällig, wenn Erwartungen zu hoch werden. Halbleiteraktien, KI-Infrastruktur und große Plattformunternehmen tragen einen erheblichen Teil der Marktstimmung. Wird dieser Bereich enttäuscht, kann der Gesamtmarkt unter Druck geraten.
Hinzu kommen geopolitische Risiken. Höhere Ölpreise, Konflikte im Nahen Osten, Handelsstreitigkeiten oder schwächere Verbraucher können die Gewinnentwicklung belasten. Auch hohe Bewertungen bleiben ein Risiko. Selbst gute Unternehmen können schlechte Anlagen sein, wenn zu viel Zukunft bereits im Kurs enthalten ist.
Für private Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Yardenis These ist interessant, aber keine Aufforderung zu einseitigen Wetten auf US-Aktien. Sie ist eher ein Hinweis darauf, bei Bewertungen nicht nur auf Kursstände zu schauen, sondern auch auf Gewinne, Margen und Produktivität.
Fazit
Ed Yardeni setzt mit FEMO einen bewussten Gegenpunkt zu FOMO. Er sieht den US-Aktienmarkt nicht primär von Spekulation getrieben, sondern von starker Gewinnentwicklung. Das macht seine Einschätzung plausibler als reine Börseneuphorie. Steigende Kurse sind weniger problematisch, wenn Unternehmensgewinne Schritt halten.
Trotzdem bleibt Vorsicht angebracht. Hohe Bewertungen verlangen dauerhaft starke Ergebnisse. Künstliche Intelligenz, Produktivität und robuste Gewinne können den Markt weiter tragen. Enttäuschungen bei Wachstum, Inflation oder Geopolitik könnten die Lage aber schnell verändern.
Für Anlegerinnen und Anleger liegt die wichtigste Lehre in der Unterscheidung: Nicht jede Rally ist automatisch eine Blase. Aber jede Rally braucht ein Fundament. Yardeni glaubt, dieses Fundament derzeit in den Gewinnen zu erkennen. Ob FEMO stärker ist als FOMO, wird sich an den tatsächlichen Unternehmenszahlen der kommenden Jahre zeigen.