Was für eine niedrigere Aktienquote spricht
Aktien können deutlich schwanken. Wer kurz nach einem Börsenrückgang größere Beträge aus dem Depot entnehmen muss, verkauft möglicherweise zu ungünstigen Kursen.
Dieses sogenannte Reihenfolgerisiko ist besonders in den ersten Jahren des Ruhestands relevant. Ein starker Kursverlust zu Beginn der Entnahmephase kann das Vermögen langfristig stärker belasten als ein vergleichbarer Rückgang viele Jahre später.
Eine geringere Aktienquote kann daher sinnvoll sein, wenn:
- das Depot regelmäßig zur Finanzierung des Lebensunterhalts benötigt wird,
- nur geringe weitere Alterseinkünfte vorhanden sind,
- größere Ausgaben bevorstehen,
- Kursverluste emotional schwer auszuhalten sind.
Auch der Wunsch nach mehr Planbarkeit spricht für einen höheren Anteil sicherer Anlagen.
Was gegen einen vollständigen Rückzug spricht
Wer sämtliche Aktien verkauft, reduziert zwar die kurzfristigen Schwankungen, verzichtet aber auch auf langfristige Renditechancen.
Gerade bei einem langen Ruhestand kann Inflation zu einem ernsthaften Risiko werden. Geld, das über viele Jahre nur niedrig verzinst angelegt ist, verliert möglicherweise an Kaufkraft.
Hinzu kommt: Nicht das gesamte Vermögen wird sofort benötigt. Ein Teil kann einen Anlagehorizont von zehn, 15 oder mehr Jahren haben. Für diesen langfristigen Anteil können Aktien weiterhin sinnvoll sein.
Beispiel: Die Rente deckt fast alle Ausgaben
Ein 67-jähriges Ehepaar erhält zusammen ausreichend gesetzliche und betriebliche Renten, um den laufenden Lebensunterhalt zu bezahlen. Das Wertpapierdepot wird nur für Reisen, größere Anschaffungen und als Reserve benötigt.
In dieser Situation muss die Aktienquote nicht allein wegen des Rentenbeginns stark reduziert werden. Da kein regelmäßiger Verkauf zur Finanzierung des Alltags erforderlich ist, kann ein größerer Teil des Vermögens langfristig investiert bleiben.
Trotzdem sollte genügend Geld sicher verfügbar sein, um geplante Ausgaben der nächsten Jahre ohne Aktienverkäufe bezahlen zu können.
Beispiel: Monatliche Entnahmen aus dem Depot
Eine alleinstehende Rentnerin ergänzt ihre Rente jeden Monat durch 800 Euro aus ihrem Depot. Sie besitzt nur geringe weitere Rücklagen.
Hier wiegt das Risiko eines Börsenrückgangs schwerer. Wenn sie auch in schwachen Marktphasen verkaufen muss, können sich Verluste dauerhaft auswirken.
Eine mögliche Lösung wäre, mehrere Jahresbeträge der geplanten Entnahmen auf Tages- oder Festgeld vorzuhalten. Der übrige Teil des Vermögens könnte weiterhin einen begrenzten Aktienanteil enthalten.
Alter allein ist kein ausreichendes Kriterium
Pauschale Regeln wie "Aktienquote gleich 100 minus Lebensalter" greifen häufig zu kurz. Zwei gleichaltrige Menschen können völlig unterschiedliche Voraussetzungen haben.
Wichtiger sind:
- Höhe der sicheren Renteneinkünfte,
- regelmäßiger Kapitalbedarf,
- verbleibender Anlagehorizont,
- vorhandene Rücklagen,
- gesundheitliche und familiäre Situation,
- gewünschte Vermögensübertragung an Erben.
Wer sein Depot voraussichtlich vollständig verbrauchen muss, braucht eine andere Struktur als jemand, der einen großen Teil des Vermögens weitergeben möchte.
"Oft überzeugt eine gestufte Lösung: kurzfristig benötigtes Geld sicher anlegen und langfristig entbehrliches Vermögen weiterhin teilweise in Aktien halten."
Das Vermögen nach Zeiträumen aufteilen
Statt nur über einen festen Aktienanteil nachzudenken, kann das Vermögen nach Verwendungszeitpunkten gegliedert werden.
Ein mögliches Modell:
- Kurzfristig benötigtes Geld liegt sicher und jederzeit verfügbar.
- Mittel für die kommenden Jahre werden eher schwankungsarm angelegt.
- Langfristig nicht benötigtes Vermögen bleibt teilweise in Aktien investiert.
Diese Aufteilung hilft, auch in einer Börsenkrise nicht sofort verkaufen zu müssen.
Nicht alles auf einmal umstellen
Eine größere Veränderung der Aktienquote sollte nicht nur aufgrund des Renteneintritts an einem bestimmten Tag erfolgen.
Wer kurz vor dem Ruhestand sein gesamtes Depot verkauft, kann einen ungünstigen Marktzeitpunkt erwischen. Umgekehrt kann es riskant sein, die bisherige Aufteilung unverändert zu lassen, obwohl das Geld bald benötigt wird.
Eine schrittweise Anpassung über mehrere Jahre kann beide Risiken verringern. Dabei werden Entnahmebedarf, Rücklagen und Aktienanteil regelmäßig überprüft.
Die eigene Reaktion auf Verluste ernst nehmen
Eine rechnerisch passende Strategie hilft wenig, wenn sie in einer Krise nicht durchgehalten wird.
Wer bei einem Depotverlust von 20 Prozent nicht mehr ruhig schlafen kann, sollte die Aktienquote möglicherweise reduzieren. Wer Schwankungen kennt und langfristig gelassen bleibt, kann einen höheren Anteil verkraften.
Entscheidend ist nicht nur die finanzielle Tragfähigkeit, sondern auch die persönliche Belastbarkeit.
Diese Fragen helfen bei der Entscheidung
Vor einer Anpassung sollte geprüft werden:
- Wie viel Geld wird jährlich aus dem Depot benötigt?
- Welche Ausgaben stehen in den nächsten fünf Jahren an?
- Wie hoch sind die sicheren Renteneinkünfte?
- Wie lange kann ein Teil des Vermögens investiert bleiben?
- Wie würde ein deutlicher Kursverlust den Lebensstandard beeinflussen?
- Soll Vermögen später vererbt werden?
- Wie wurden frühere Börsenrückgänge emotional bewältigt?
Fazit
Eine niedrigere Aktienquote kann im Ruhestand sinnvoll sein, wenn regelmäßige Entnahmen nötig sind und nur geringe sichere Einkünfte bestehen. Sie reduziert das Risiko, in einer schwachen Marktphase verkaufen zu müssen.
Ein vollständiger Rückzug aus Aktien ist jedoch nicht automatisch sicherer. Bei einem langen Ruhestand kann fehlende Rendite dazu führen, dass das Vermögen an Kaufkraft verliert oder früher aufgebraucht wird.
Oft überzeugt eine gestufte Lösung: kurzfristig benötigtes Geld sicher anlegen und langfristig entbehrliches Vermögen weiterhin teilweise in Aktien halten.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanz-, Anlage-, Steuer- oder Rentenberatung.