Market-Timing verlangt zwei richtige Entscheidungen
Market-Timing (Versuch, günstige Ein- und Ausstiegszeitpunkte vorherzusagen) klingt zunächst logisch. Wer vor einem Kursrückgang verkauft und anschließend günstiger wieder einsteigt, kann Verluste vermeiden und von der folgenden Erholung profitieren.
In der Praxis liegt genau darin das Problem: Es müssen gleich zwei Entscheidungen richtig getroffen werden. Zunächst der rechtzeitige Ausstieg, anschließend der passende Wiedereinstieg.
J.P. Morgan AM hat untersucht, wie sich ein klassisches 60/40-Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen entwickelt hätte, wenn jeweils zu denkbar ungünstigen Zeitpunkten investiert worden wäre - einen Monat vor zwölf besonders starken Ausschlägen des VIX (Volatilitätsindex, Maß für erwartete Schwankungen am US-Aktienmarkt) seit 1990.
Das Ergebnis überrascht:
- Nach einem Jahr lag das Portfolio in 75 Prozent der Fälle vor Cash - im Durchschnitt um sieben Prozent.
- Nach drei Jahren schnitt es in allen untersuchten Fällen besser ab als Cash.
- Der durchschnittliche Vorsprung nach drei Jahren betrug rund 22 Prozent.
Selbst ein schlechter Einstiegszeitpunkt musste langfristig also keineswegs eine schlechte Anlageentscheidung sein.
Die besten Börsentage kommen oft unerwartet
Ein weiteres Problem ist der sogenannte Clustering-Effekt. Besonders starke positive und negative Börsentage liegen häufig dicht beieinander. Auf einen heftigen Kursrückgang kann unmittelbar eine kräftige Erholung folgen.
Wer während der schlechten Tage aussteigt, muss deshalb sehr schnell wieder investieren, um die anschließenden Erholungstage nicht zu verpassen. Gerade dies gelingt in der Realität selten. Nach einem Kurssturz ist die Unsicherheit schließlich besonders hoch - und psychologisch erscheint weiteres Abwarten häufig vernünftiger als der Wiedereinstieg.
Die Folge: Aus einer eigentlich kurzfristig geplanten Vorsichtsmaßnahme wird eine längerfristige Cash-Position.
Zu viel Cash vermittelt trügerische Sicherheit
Liquidität ist selbstverständlich notwendig. Rücklagen für unerwartete Ausgaben oder bereits geplante Anschaffungen gehören nicht an die Börse. Problematisch wird Cash erst, wenn aus Vorsicht dauerhaft ein erheblicher Teil des langfristig investierbaren Vermögens unverzinst oder niedrig verzinst liegen bleibt.
Bilton verweist darauf, dass private Haushalte teilweise rund ein Viertel ihres investierbaren Vermögens auf Giro-, Spar- und Tagesgeldkonten halten. Aus Renditegesichtspunkten hält er langfristig eher eine Quote von fünf bis zehn Prozent für angemessen.
"Neue Börsenrekorde sind kein zwingender Grund, Investitionen aufzuschieben. Wer auf den perfekten Einstiegszeitpunkt wartet, muss nicht nur erkennen, wann Märkte fallen, sondern auch rechtzeitig wieder investieren."
Eine Modellrechnung von J.P. Morgan zeigt die möglichen Folgen: Eine Barquote von 25 Prozent hätte in den fünf Jahren seit Beginn der Corona-Pandemie gegenüber einem vollständig investierten Portfolio auf potenzielle Gewinne von rund 5,4 Prozent verzichtet. Inflationsbereinigt hätte der Abstand rund 4,3 Prozent betragen.
Cash besitzt nämlich ebenfalls Risiken. Zwar schwankt der nominale Kontostand kaum, doch Inflation vermindert kontinuierlich die Kaufkraft.
Nicht jedes Risiko verlangt Bargeld
Auch für schwierige Marktphasen gibt es Alternativen. Bei sinkendem Wirtschaftswachstum können beispielsweise hochwertige Anleihen interessant sein. Fallen die Zinsen, profitieren bestehende Anleihen häufig von steigenden Kursen, während neu angelegtes Bargeld anschließend nur noch niedrigere Zinsen erhält.
Bei Inflationsrisiken wiederum können Sachwerte oder Rohstoffe innerhalb eines breit diversifizierten Portfolios eine Rolle spielen.
Entscheidend ist deshalb weniger die Flucht aus dem Markt als die Diversifikation (Verteilung des Vermögens auf unterschiedliche Anlageklassen und Risiken).
Rekordkurse allein sind kein Verkaufssignal
Auch hohe Bewertungen liefern laut Bilton keinen verlässlichen Hinweis darauf, wann eine Korrektur beginnt. Hohe Bewertungen können die langfristig erwartbaren Renditen reduzieren - sie sagen aber wenig darüber aus, ob Kurse morgen, nächsten Monat oder erst Jahre später fallen.
Historisch zeigte sich vielmehr ein deutlicher Vorteil ausgewogener Portfolios: Ein globales 60/40-Portfolio schlug Cash laut J.P. Morgan über Ein-Jahres-Zeiträume in 79 Prozent und über Fünf-Jahres-Zeiträume sogar in 97 Prozent der Fälle.
Fazit
Neue Börsenrekorde sind kein zwingender Grund, Investitionen aufzuschieben. Wer auf den perfekten Einstiegszeitpunkt wartet, muss nicht nur erkennen, wann Märkte fallen, sondern auch rechtzeitig wieder investieren.
Cash bleibt für Liquiditätsreserven unverzichtbar. Als dauerhafter Ersatz für langfristige Geldanlage kann eine übermäßig hohe Quote jedoch erhebliche Rendite kosten. Historisch war die bessere Antwort auf Unsicherheit daher häufig nicht Abwarten, sondern investiert bleiben und Risiken breit verteilen.